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Vermögensverteilung in Deutschland weniger ungleich als gewöhnlich behauptet

Geht es um die Vermögensverteilung in Deutschland wird regelmäßig beklagt, sie sei besonders ungleich. Richtig ist: Vermögen sind hierzulande deutlich ungleicher verteilt als Einkommen. Richtig ist aber auch, dass die Vermögensungleichheit nicht so ausgeprägt ist, wie von bestimmter politischer Seite immer wieder behauptet wird. Das liegt wesentlich daran, dass die üblichen Betrachtungen zum Nettovermögen eine Komponente überhaupt nicht berücksichtigen: die Vermögensäquivalente aus den Ansprüchen an die Altersvorsorgesysteme. Dabei gibt es nicht erst seit gestern Untersuchungen dazu, wie sich die Hinzuziehung von Rentenansprüchen auf die Vermögensverteilung auswirkt. Um es vorweg zu nehmen: Sie reduziert die Vermögensungleichheit deutlich.

Zuletzt hat darauf im vergangenen Jahr die vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft erstellte Studie „Gerechtes Deutschland – Die Rolle der Vermögen” hingewiesen, die wir in einem früheren Beitrag bereits behandelt haben. Ergebnis: Die Vermögensungleichheit in Deutschland wird durch Anwartschaften aus gesetzlichen, privaten und betrieblichen Altersvorsorgesystemen um mehr als 20 Prozent reduziert. Der Gini-Koeffizient sinkt durch die Erweiterung um die Vermögensäquivalente aus der Altersvorsorge im Jahr 2017 von knapp 0,8 auf rund 0,6.

Nun werden Kritiker möglicherweise einwenden, dieser Befund sei erwartbar, schließlich stamme die Untersuchung vom „arbeitgebernahen” Institut der deutschen Wirtschaft und sei im Auftrag der bayerischen Wirtschaftslobby erstellt worden. Diesem möglichen Einwand kann allerdings der Wind aus den Segeln genommen werden. Denn: Die vbw-Studie des IW bestätigt Erkenntnisse aus früheren Forschungen.

Bönke et al. 2016

So haben Bönke et al. 2016 die wohl erste Analyse für Deutschland vorgelegt, die das Rentenvermögen in einer Analyse der Vermögensungleichheiten für die gesamte deutsche Bevölkerung im Ruhestand und im Nicht-Ruhestand berücksichtigt (The joint distribution of net worth and pension wealth in Germany, SOEPpapers 853-2016). Bönke et al. schreiben: „Research on wealth inequality usually focuses on real and financial assets, while pension wealth – the present value of future pension entitlements from public and company pension schemes – receives little attention. This is astonishing, given that pension plans play an important role for material security and well‐being for an overwhelming part of the population and, thus, should be accounted for in peoples’ wealth portfolios.” (S. 1)

Zur Vermögensverteilung kommen die Autoren zu folgendem Ergebnis: „Consistent with previous studies for Germany, the distribution of net worth is very unequal. Here the Gini coefficient is 0.785. The inclusion of pension wealth leads to a marked reduction of the Gini coefficient of roughly 25% to 0.594 for augmented wealth.” (S. 25, siehe folgende Tabelle)

Vermögensverteilung, Vermögensungleichheit (Gini) | Inequality of wealth aggregates
Source: SOEPv30, persons living in private households age 18 and above in 2013 and respondents of the 2012 and 2013 waves.

Es zeigt sich, so Bönke et al., dass die Berücksichtigung des Rentenvermögens wichtige Auswirkungen auf die Verteilung und das Niveau des Vermögens habe. In Deutschland sei die durch den Gini-Koeffizienten gemessene Ungleichheit des erweiterten Vermögens um etwa ein Viertel geringer als die des Nettovermögens. Darüber hinaus sei der Median des erweiterten Vermögens etwa sechsmal so groß wie der Median des Nettovermögens, während der Mittelwert nur doppelt so hoch ist, was auf die hohe Konzentration des Rentenvermögens in der unteren Hälfte der Vermögensverteilung zurückzuführen sei.

Die Untersuchung von Bönke et al. (2016) stütze sich ausschließlich auf Umfragedaten – das deutsche SOEP – um zu zeigen, dass das Rentenvermögen eine wichtige Komponente des individuellen Vermögens in Deutschland sei und dass seine Einbeziehung in die individuelle Vermögensverteilung eine beträchtliche Verringerung der gemessenen Ungleichheit mit sich bringe.

Bönke et al. 2017

Anfang 2017 legten Bönke et al. eine Folgeuntersuchung vor (A Head-to-Head Comparison of Augmented Wealth in Germany and the United States, SOEPpapers 899-2017), die Zahlen zum Vermögen nicht (wie 2016) auf individueller Ebene, sondern auf Haushaltsebene bereitstellt. Das Konzept auf Haushaltsebene spiegele wider, dass Haushalte in der Regel Ressourcen zusammenlegten. Darüber hinaus sei die aktuelle Messung des Rentenvermögens breiter angelegt als die von Bönke et al. (2016), da auch tatsächliche und erwartete Ansprüche auf Hinterbliebenenrenten einbezogen würden. In der Untersuchung von 2017 stellen Bönke et al. die Höhe, die Zusammensetzung und die Ungleichheiten des erweiterten Vermögens der privaten Haushalte – definiert als die Summe aus Nettovermögen und Rentenvermögen – für zwei Länder dar: die Vereinigten Staaten und Deutschland.

„Our results are as follows: The inclusion of pension wealth adds about 48% to average net worth in the United States and 61% in Germany. This reduces the wealth gap between the two countries: While the ratio of average net worth is about 1.8 in favor of the United States (average for United States: US$337,000; Germany: US$182,000), it is considerably lower, 1.4, for augmented wealth (average for United States: US$651,000; Germany: US$473,000). The addition of pension wealth also reduces measured wealth inequalities: In the United States, the Gini coefficient drops from 0.892 for net worth to 0.701 for augmented wealth; in Germany from 0.765 to 0.511.” (S. 3)

Gini-coefficient of wealth aggregate

In beiden Ländern verringere die Einbeziehung von Rentenvermögen in die Portfoliopositionen der Haushalte die gemessene Vermögensungleichheit; in Deutschland werde die Vermögensungleichheit durch die Hinzufügung von Rentenvermögen allerdings stärker reduziert als in den Vereinigten Staaten. In Bezug auf das Nettovermögen bestätigten die Ergebnisse den früheren Befund einer deutlich höheren Ungleichheit in den Vereinigten Staaten. Der Gini-Index betrage 0,892 im Gegensatz zu 0,765 in Deutschland. Die Hinzufügung von Sozialversicherungsrenten zum Nettovermögen verringere die Ungleichheit. Der Gini-Index sinke in den Vereinigten Staaten um 21 Prozent (auf 0,704), in Deutschland ist die Verringerung sogar noch größer (33 Prozent auf 0,512), was auf die höhere Bedeutung der Sozialversicherungsrenten zurückzuführen sei.

Die Hinzufügung von Vermögen aus betrieblicher und privater Altersvorsorge zum Nettovermögen verringere die Ungleichheit ebenfalls, allerdings sei der Effekt geringer. In beiden Ländern sinke der Gini-Index um etwa sieben Prozent. Wenn man das Vermögen der Sozialversicherung und der betrieblichen und privaten Altersvorsorge zum Nettovermögen hinzufüge, erhalte man ein erweitertes Vermögen. Der entsprechende Gini-Index sinke in den Vereinigten Staaten um 0,191 Punkte von 0,892 auf 0,701 und in Deutschland um 0,254 Punkte (33 Prozent) auf 0,511. Die Umverteilungswirkung des Rentenvermögens sei also in Deutschland größer, so Bönke et al. 2017 in ihrer „Conclusion”.

Peichl et al. 2018

Eine weitere Veröffentlichung, die im Zusammenhang mit der Einbeziehung der Altersvorsorgevermögen bei der Betrachtung der Vermögensverteilung erwähnenswert ist, ist die Untersuchung „Ökonomische Ungleichheit in Deutschland – ein Überblick” von Peichl et al. 2018. Methodisch orientieren sich die Autoren vom ifo Zentrum für Makroökonomik und Befragungen an Bönke et al. (2017) und berücksichtigen neben den Nettovermögen zusätzlich explizit die individuellen Rentenansprüche.

Zerlegung der Vermögensungleichheit

Die Tabelle „zeigt die Ungleichheit der Vermögensverteilung in Deutschland im Jahr 2012, unterteilt nach verschiedenen Vermögenskomponenten. In der ersten Spalte findet sich der Gini-Koeffizient für die jeweilige Vermögenskomponente. Es zeigt sich, dass durch die Berücksichtigung von Rentenansprüchen die Ungleichheit der Nettovermögen (Gini von 0,73) spürbar sinkt (auf 0,53)”, so Peichl et al. (S. 194).

Die zweite Spalte zeige den Anteil der jeweiligen Vermögenskomponente am erweiterten Gesamtvermögen. Die privaten Nettovermögen wiesen mit 40 Prozent zwar den größten Einzelanteil der betrachteten Komponenten auf; eine Vernachlässigung von individuellen Rentenansprüchen jedoch würde die Bewertung der Vermögensverteilung massiv verzerren. 60 Prozent des im SOEP gemessenen erweiterten Gesamtvermögens gingen auf Rentenansprüche und insbesondere auf Ansprüche aus den staatlichen Vorsorgeinstitutionen zurück.

In der vierten Spalte sei jeder der betrachteten Komponenten ein relativer Beitrag zur Gesamtheit der Ungleichheit der erweiterten Vermögen zugewiesen. Insgesamt könne beinahe die Hälfte der gemessenen Vermögensungleichheit in Deutschland (0,53 Gini-Indexpunkte) auf die ungleiche Verteilung von Nettoprivatvermögen zurückgeführt werden. Ein weiteres Drittel sei den privaten Vorsorgeinstitutionen, also den privaten und betrieblichen Rentenvermögen zuzuweisen. Lediglich 19 Prozent gingen auf Unterschiede der staatlichen Rentenansprüche zurück.

„Die Berücksichtigung dieser Rentenansprüche führt also zu einer erheblichen Reduktion der gemessenen Vermögensungleichheit in Deutschland“, so das Fazit (S. 195).

Schlussbemerkung

Die hier dargestellten wissenschaftlichen Untersuchungen, die allesamt zeigen, dass durch die Hinzuziehung der Altersvorsorgevermögen die Vermögensungleichheit in Deutschland deutlich sinkt, sollen nicht zum Anlass genommen werden, das Thema Vermögensungleichheit vom Tisch zu wischen. Das ist und bleibt ein Thema. Nur sollte der Versuch unternommen werden, ein möglichst realistisches und vollständiges Bild der tatsächlichen Verhältnisse zu zeichnen und kein verzerrtes, das hauptsächlich der Unterfütterung politischer Agenden dient.

2 Kommentare zu „Vermögensverteilung in Deutschland weniger ungleich als gewöhnlich behauptet“

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