2CV vor Wohnhaus

Die schrumpfende Mittelschicht gibt es nicht

Geht es um die deutsche Mittelschicht, so gibt es schon seit einigen Jahren ein mediales Narrativ, über das anscheinend Konsens besteht: Die Mittelschicht „schrumpft“, „steht unter Druck“, „bröckelt“. Für manche Sozialforscher ist dieses Narrativ wichtig, weil eine schrumpfende oder bröckelnde Mittelschicht als Beleg dafür dient, dass in unserer gesellschaftlichen Ordnung etwas ins Rutschen geraten ist. Wenn die Mittelschicht fortgesetzt unter Druck steht, stellen sich nicht zuletzt Fragen der Gerechtigkeit, der Verteilung von Einkommen und Vermögen etc.

Auch eine aktuelle Analyse der OECD und der Bertelsmann-Stiftung zeige, dass die Mittelschicht „nach wie vor unter Druck steht“, so Dr. Ralph Heck, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, und Eric Thode, Director Programm Arbeit neu denken der Stiftung, in ihrem Vorwort (S. 5). „Die deutsche Mittelschicht ist kleiner als noch Mitte der 1990er Jahre. Zwischen 1995 und 2018 ist sie um 6 Prozentpunkte geschrumpft, von 70 auf 64 Prozent der Bevölkerung“, heißt es im weiteren Verlauf (S. 10). Die folgende Abbildung zeigt diese Entwicklung.

Entwicklung der Mittelschicht, 1995-2018
Quelle: OECD, Bertelsmann-Stiftung: Bröckelt die Mittelschicht?

Nach den hier gezeigten Zahlen müsste man allerdings präziser formulieren, dass die Mittelschicht zwischen 1995 und 2005 von 70 auf 64 Prozent der Bevölkerung geschrumpft ist. Zwischen 2005 und 2018 ist sie dagegen sehr stabil geblieben (2005: 64 Prozent, 2010: 64 Prozent, 2014: 65 Prozent, 2018: 64 Prozent). Aus den vorliegenden Zahlen kann jedenfalls nicht die Aussage abgeleitet werden, die Mittelschicht stehe „nach wie vor unter Druck“.

Zahlenakrobatik: Hautsache, die Mittelschicht schrumpft

Interessant ist noch ein weiterer Punkt, auf den Jürgen Kaube in einem Beitrag für die F.A.Z. hingewiesen hat. In der 2013 von der Bertelsmann-Stiftung herausgegebenen Studie „Mittelschicht unter Druck?“ heißt es in der Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse: „Betrachtet man die Entwicklung der Mittelschicht anhand des verfügbaren Haushaltseinkommens, so ist seit 1997 ein deutlicher Schrumpfungsprozess für die Einkommensmittelschicht in Deutschland zu beobachten. Lag der Anteil dieser Gruppe gegen Mitte der 90er Jahre noch bei 65 Prozent, so hat sich dieser bis 2010 nahezu kontinuierlich auf 58 Prozent reduziert.“ (S. 7)

Seltsam: Während laut Studie von 2013 der Anteil der Mittelschicht Mitte der 90er Jahre bei 65 Prozent gelegen haben soll, soll er 2021 zum gleichen Zeitpunkt bei 70 Prozent gelegen haben. 2013 stellt die Bertelsmann-Stiftung fest, der Anteil der Mittelschicht sei bis 2010 auf 58 Prozent zurückgegangen, während sie 2021 für 2010 einen Anteil von 64 Prozent angibt.

Anteil Mittelschicht Mitte 90er JahreAnteil Mittelschicht 2010Differenz
Studie 201365%58%-7%-Punkte
Studie 202170%64%-6%-Punkte

Die Zahlen zeigen: Der Anteil der Mittelschicht lag 2010 laut der Studie von 2021 sechs Prozentpunkte über dem in der Studie von 2013 angegebenen Wert. Das ist natürlich misslich, denn so lässt sich keine Schrumpfung darstellen. Da passt es dann, wenn der Wert für Mitte der 90er Jahre höher liegt. Auf diesem Wege kann das Narrativ von der schrumpfenden Mittelschicht aufrechterhalten werden.

Zweifel sind angebracht. Übrigens: Gegen Ende der Studie von 2021 schreiben die Autoren: „Das Gesamtbild, das sich aus den diesem Bericht zugrunde liegenden statistischen Analysen ergibt, ist das einer recht stabilen Mittelschicht in Deutschland.“ (S. 26; Hervorhebung N.H.) Das passt schon eher zu den Zahlen. Die Kernbotschaft der Studie ist aber eine andere.

Anteil der Mittelschicht seit Jahren praktisch unverändert (Ergänzung Mai 2022)

Eine Mitte Mai 2022 vorgelegte Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt: Fast jeder zweite Bundesbürger gehörte im Jahr 2018 zur Mittelschicht – dieser Wert hat sich seit Jahren praktisch nicht verändert. Nach IW-Definition zählt zur Mittelschicht im engeren Sinne, wer 80 bis 150 Prozent des Medianeinkommens hat (das Medianeinkommen ist das mittlere Einkommen, d.h. die eine Hälfte hat mehr, die andere weniger). Im Bereich von 60 bis 80 Prozent des Medianeinkommens gehört ein Haushalt zur unteren Mitte, der Bereich von 150 bis 250 Prozent definiert die obere Mitte.

Entwicklung der Einkommensschichten, 1991-2018

Das IW schreibt dazu: „Auch wenn in den vergangenen Jahren häufig auf eine schrumpfende Mittelschicht verwiesen wurde, zeigt die IW-Auswertung, dass sich die relative Größe der Mittelschicht seit gut einem Jahrzehnt kaum verändert hat. Im Zeitraum zwischen 2000 und 2005 sank der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung von 54,4 Prozent auf 49,8 Prozent. Seitdem hat sich der Anteil allerdings nur unmerklich verändert: Im Jahr 2018 gehörte mit rund 49 Prozent knapp jeder Zweite zur Mittelschicht im engeren Sinne.“ Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung in einer komprimierten Fassung:

Entwicklung der Einkommensschichten zeigt stabile Mitte

Das deutsche Schichtengefüge hat sich seit 2005 kaum verändert, stellt das IW fest: Im Jahr 2018 war der Anteil der Mittelschicht nur rund 1 Prozentpunkt kleiner als damals.

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