Business Insider_Kolumne_Christian von Bechtolsheim

Was gegen eine Vermögensteuer spricht

In meinem aktuellen Beitrag für die Business InsiderKolumne Geld & Werte beschäftige ich mich mit der Forderung von rund 100 Millionären nach einer Vermögensteuer für die Reichsten. Die Unterzeichner des Aufrufs In Tax We Trust schreiben: „The world – every country in it – must demand the rich pay their fair share. Tax us, the rich, and tax us now.“

Wert der Globalisierung wird weit unterschätzt

Es steht außer Frage, dass Vermögen ungleich, teilweise sehr ungleich verteilt sind. Es steht auch außer Frage, dass es in unserem weltweiten kapitalistischen System immer wieder zu erschreckenden Auswüchsen kommt. Gleichzeitig gilt aber auch: Der Wert der Globalisierung wird bei weitem unterschätzt. 2018 kam das IMF Working Paper „The Distribution of Gains from Globalization“ zu dem Ergebnis, dass die wirtschaftliche Globalisierung zu erheblichen Einkommensgewinnen führt. Diese Gewinne sind jedoch sowohl zwischen als auch innerhalb der Länder ungleich verteilt. Der Schwede Hans Rosling, der für sein Buch „Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ (2018) viel Aufmerksamkeit erntete, zeigt in einer interaktiven Grafik die weltweite Einkommensentwicklung von 1800 bis 2019.

Entwicklung der extremen Armut, 1970
Entwicklung der extremen Armut, 2000
Entwicklung der extremen Armut, 2021

Wenn man nur einmal die Entwicklung seit 1970 betrachtet, wird deutlich, wie sehr die Globalisierung dazu beigetragen hat, Menschen aus der Armut herauszuholen. So lebten noch 1970 45 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, d. h. von weniger als 2 US-Dollar am Tag (die Weltbank definiert 1,90 Dollar am Tag als absolute Armut“), 1980 waren es 43 Prozent, 1990 39 Prozent und 2000 noch 31 Prozent. In den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhundert sank der Anteil der Menschen, die mit weniger als 2 Dollar am Tag auskommen müssen, auf 19 Prozent; 2021 lag er bei 10 Prozent.

Vermögensteuer bedeutete Eingriff in die Substanz

Dies vorausgeschickt: Sicher, es gibt die enormen Vermögenszuwächse etwa bei den Eigentümern von Online-Diensten, Tech-Plattformen und Pharmaunternehmen. Repräsentativ für alle sogenannten „Reichen“ sind sie nicht. Natürlich dürfte es dem Besitzer von 100 Millionen nicht allzu viel ausmachen, wenn er jährlich 2 Prozent abgeben muss, oder dem Besitzer von 100 Milliarden, wenn er 5 Prozent jährlich zahlen soll (das sind die Prozentzahlen, die die Initiatoren von In Tax We Trust fordern).

Auswirkungen einer Vermögensteuer von 1 Prozent auf die Steuerbelastung von Unternehmen

„Der Hund liegt aber woanders begraben, denn unsere wirklich Reichen in Deutschland sind mittelständische Unternehmer, deren wesentliches Vermögen im Unternehmen gebunden ist“, schreibe ich in meiner Kolumne. Da die Eigentümer solcher Unternehmen in der Regel privat nicht über genug Barmittel verfügen, um erhöhte Erbschaft- oder Vermögensteuern bezahlen zu können, müssten sie dem Unternehmen Eigenkapital entziehen. Das wäre ein folgenschwerer Eingriff in die Substanz.

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