Geld

Erbschaften verringern relative Vermögensungleichheit

Mit Blick auf Vermögensverteilung und Vermögensungleichheit spielt regelmäßig auch das Thema Erbschaften (und Schenkungen) eine wichtige Rolle. Eine gängige These hierzu lautet, dass Erbschaften die soziale Ungleichheit verstärken. Vereinfacht ausgedrückt: Durch Erbschaften werden die Reichen immer reicher, die Vermögensungleichheit wächst. Daher plädieren manche für eine deutlich höhere Erbschaftsteuer. Oder überhaupt für eine Erbschaftsteuer in Ländern, wo es diese nicht gibt, wie etwa in Österreich, Norwegen oder Australien. Zwei neuere Untersuchungen zur Bedeutung von Erbschaften in den beiden letztgenannten Ländern zeigen, dass das Thema differenzierter betrachtet werden muss.

Ökonomische Effekte von Vermögenstransfers

In der längeren Studie „Wealth transfers and their economic effects“ der „Productivity Commission“ der australischen Regierung kommen die Autoren zu dem Ergebnis, Vermögenstransfers führten zwar eindeutig zu einem Anstieg des Vermögens der reicheren Australier. Gemessen an dem Vermögen, das sie bereits besäßen, hätten die weniger wohlhabenden Australier jedoch einen viel größeren Zuwachs durch Vermögenstransfers erhalten. Das heiße, Vermögenstransfers erhöhten den Anteil des Vermögens der ärmeren Australier und verringerten die relative Vermögensungleichheit.

Australien: Erbschaften erhöhen die absolute Vermögensungleichheit, aber reduzieren die relative Vermögensungleichheit
Quelle: Australian Government | Productivity Commission, Wealth transfers and their economic effects, S. 6

In den vergangenen zwei Jahrzehnten erhielten wohlhabendere Menschen in der Regel mehr Vermögenstransfers als ärmere Menschen, wodurch die absolute Vermögensungleichheit zugenommen habe (Abbildung 4, Feld a; absolute Vermögensungleichheit ist die Ungleichheit des Dollarwerts des von jeder Person in der Gesellschaft gehaltenen Vermögens). Das sei leicht nachvollziehbar, da wohlhabendere Eltern mehr Vermögen an ihre Kinder übertragen könnten und ihre Kinder auch ohne diese Transfers tendenziell wohlhabender seien.

Ein weniger offensichtliches Ergebnis – das sich jedoch in der Forschung für alle anderen Länder, für die Informationen verfügbar waren (Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und die Vereinigten Staaten), wiederfinde (siehe unten) – sei, dass Vermögenstransfers die relative Vermögensungleichheit verringerten. Der Grund: Wohlhabendere Menschen erhielten im Verhältnis zu ihrem vorhandenen Vermögen weniger Vermögenstransfers als ärmere Menschen (Abbildung 4, Feld b; relative Vermögensungleichheit ist die Ungleichheit des Anteils am Vermögen, den jede Person besitzt). Beispielsweise erhöhten die Transfers das Vermögen der untersten 20 Prozent (Quintil 1) der Vermögensverteilung im Verhältnis zu ihrem vorhandenen Vermögen um etwa das 30-fache im Vergleich zu den obersten 20 Prozent (Quintil 5).

Zwar treffe es zu, so die australische Kommission, dass reichere Australier im Durchschnitt höhere Transfers erhielten und daher durch Vermögensübertragungen noch bessergestellt würden. Aber wenn die Menschen eine Erbschaft erhielten, seien sie schon weit im mittleren Alter – im Durchschnitt etwa 50 Jahre alt –, und viele stünden möglicherweise selbst kurz vor dem Ruhestand. Erbschaften wirkten sich zwar auf die wirtschaftliche Mobilität aus, da sie die Wahrscheinlichkeit erhöhten, dass wohlhabende Eltern wohlhabende Kinder haben, doch werde dieser Effekt durch den späten Zeitpunkt, zu dem sie empfangen werden, abgeschwächt.

In den meisten Szenarien werde davon ausgegangen, dass Vermögenstransfers die absolute Vermögensungleichheit erhöhten, aber die relative Vermögensungleichheit verringerten. Der Mechanismus sei derselbe wie oben beschrieben: Auch wenn wohlhabendere Menschen im Durchschnitt größere Vermögenstransfers erhielten, erhielten weniger wohlhabende Menschen Vermögenstransfers, die einen größeren Anteil ihres vorhandenen Vermögens ausmachten.

Vermögenstransfers haben die relative Vermögensungleichheit auch in anderen Ländern verringert, und zwar stärker als in Australien

Die folgende Grafik unterstreicht die oben getroffene Feststellung, dass Vermögenstransfers die relative Vermögensungleichheit auch in anderen Ländern verringern, darunter in Deutschland.

Erbschaften reduzieren die relative Vermögensungleichheit auch in anderen Ländern, darunter in Deutschland.
Quelle: Australian Government | Productivity Commission, Wealth transfers and their economic effects, S. 50

Als Quelle für (u.a.) Deutschland wird genannt: Nolan, Brian/Palomino, Juan C./Van Kerm, Philippe/Morelli, Salvatore (2021): Intergenerational wealth transfers and wealth inequality in rich countries: What do we learn from Gini decomposition? Economics Letters, vol. 199, p. 109701.

Die (Un)Wichtigkeit von Erbschaften

In dem Arbeitspapier „The (un)importance of inheritance“ (Working Paper 29693, National Bureau of Economic Research) hat die Columbia-Ökonomin Sandra Black mit ihren Ko-Autoren Paul Deveraux (University College Dublin), Fanny Landaud und Kjell Salvanes (beide Norwegian School of Economics) für die 19-jährige Periode von 1995 bis 2013 für die norwegische Bevölkerung untersucht, welchen Anteil kapitalisierte Schenkungen und Erbschaften an den Gesamtzuflüssen haben, die einer Person zur Verfügung stehen (definiert als kapitalisierte Summe des Nettoarbeitseinkommens, der staatlichen Transfers und der während des Zeitraums erhaltenen Schenkungen und Erbschaften).

Die Ausgangsfrage der Autoren lautet: Bekommen die reichsten Schichten der Gesellschaft ihr Geld hauptsächlich durch Erbschaften und Schenkungen, oder stammen ihre Mittel überwiegend aus Arbeit, ohne Erbschaften oder Schenkungen unter Lebenden?

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Schenkungen und Erbschaften nur einen geringen Anteil an den Gesamtzuflüssen haben, nämlich etwa drei bis sechs Prozent je nach Alter (vgl. S. 18; an einer anderen Stelle heißt es, sei seien zwei bis fünf Prozent, vgl. S. 4); ihr Beitrag werde von dem der Arbeitseinkommen und der staatlichen Transfers dominiert. Schenkungen und Erbschaften hätten einen etwas größeren Anteil an den Gesamtzuflüssen für Personen, die bei den Gesamtzuflüssen oder beim Nettovermögen zu dem obersten ein Prozent gehörten, mit einem Verhältnis von Schenkungen und Erbschaften zu den Gesamtzuflüssen (GI-Verhältnis) von sechs bzw. zehn Prozent.

Dies deute darauf hin, dass Erbschaften und Schenkungen nicht die Hauptquelle des Vermögens seien, auch nicht bei den sehr Wohlhabenden. Darüber hinaus sei die GI-Quote im Durchschnitt an allen Punkten der Verteilung des Arbeitseinkommens niedrig, was darauf hindeute, dass Arbeitseinkommen und Erbschaften keine Substitute seien. Allerdings machten Schenkungen und Erbschaften bei einer kleinen Zahl von Personen, die vermögende Eltern haben, einen großen Teil der Ressourcen aus; die GI-Quote betrage etwa 40 Prozent für Personen, deren Eltern zu den obersten 0,1 Prozent der Nettovermögensverteilung im Jahr 1994 gehörten.

Wichtig sei, so die Autoren weiter, dass Schenkungen und Erbschaften nur sehr geringe Auswirkungen auf die Verteilung der Gesamtzuflüsse hätten; rechnete man die tatsächlichen Schenkungen und Erbschaften heraus, sei die Verteilung der Gesamtzuflüsse recht ähnlich. Da sich Erbschaften kaum auf die Verteilung der gesamten Lebenszeitressourcen oder auf Ungleichheitsmaße auswirkten, seien Maßnahmen, die auf Erbschaftsteuern zur Reduzierung der Ungleichheit setzten, wahrscheinlich nicht wirksam.

Der Umstand, dass das Arbeitseinkommen ein Hauptfaktor für die Ungleichheit bei den Gesamtzuflüssen sei, deute darauf hin, dass eine größere Chancengleichheit ab der frühen Kindheit eine wichtige Rolle bei der Angleichung der Vermögensverteilung spielen könnte. Humankapital – eine Schlüsseldeterminante des Arbeitseinkommens – könnte ein entscheidender Faktor für das Verständnis der großen Wohlstandsunterschiede in der modernen Welt sein, schreiben Black et al. abschließend.

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