Geldwachstum

Vermögen in Deutschland zu niedrig – Vermögensbildung tut Not

Im internationalen Vergleich sind die Vermögen in Deutschland zu niedrig. Zwar liegt das Gesamtvermögen in Deutschland bei umgerechnet 18,3 Billionen US-Dollar; damit ist Deutschland das viertreichste Land der Erde nach den USA (126,3), China (74,9) und Japan (26,9), vor UK (15,3) und Frankreich (14,9). Betrachtet man allerdings das durchschnittliche Vermögen pro Erwachsenem, liegt Deutschland mit knapp 269.000 US-Dollar weltweit nur auf Platz 18 unter den Top-20-Ländern (Quelle: Credit Suisse, Global Wealth Databook, 2021).

Vermögensbildung: Top-20-Länder nach Vermögen pro Erwachsenem

Um deutlicher zu machen, über welche Vermögenswerte die gewöhnliche Person eines Landes tatsächlich verfügt, ist ein Blick auf das Median-Vermögen hilfreich. Der Median bildet exakt die Mitte der Pro-Kopf-Vermögen ab, die eine Hälfte der Bevölkerung hat mehr, die andere Hälfte weniger Vermögen. Das Median-Vermögen der Erwachsenen liegt in Deutschland bei rund 65.000 US-Dollar (ca. 61.600 Euro; Kurs: 10.06.2022). Die folgende Tabelle zeigt einen Vergleich von 14 Ländern, davon zwölf europäische. Beim Median-Vermögen belegt Deutschland hier – mit Abstand – den letzten Platz.

Vermögensbildung: Vermögensschätzungen nach Ländern (Ende 2020)

Zur Verdeutlichung: Die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland hat weniger als 65.000 US-Dollar Vermögen.

Warum die Vermögen in Deutschland so niedrig sind

Es gibt mehrere Gründe, warum das so ist. Regelmäßig genannt wird die Wechselwirkung zwischen Wohlfahrtsstaat und privaten Vermögen. Je höher das sozialstaatliche Versorgungsversprechen desto weniger wird die Notwendigkeit erkannt, privat Vermögen zu bilden. Weitere wichtige Punkte sind das falsche Sparverhalten und die im internationalen Vergleich geringe Bedeutung des Wohneigentums in Deutschland.

Wohneigentumsquoten in ausgewählten Ländern Europas 2019

Das Statistische Bundesamt meldet sogar noch niedrigere Werte für Deutschland als die in der Grafik gezeigten Zahlen von Eurostat. Laut dem Datenreport 2021, Kapitel 7: Wohnen, wurden im Jahr 2018 bundesweit gut 46,5 Prozent der (bewohnten) Wohnungen (inkl. Einfamilienhäuser) durch den Eigentümer bewohnt. Dabei reichen die Eigentumsquoten von 64,7 Prozent im Saarland bis 17,4 Prozent in Berlin. Deutschland bleibe also ein Land der Mieter (53,5 Prozent). „In keinem anderen Land der Europäischen Union wohnen so wenig Menschen in den ‚eigenen vier Wänden‘ wie in Deutschland“, heißt es in dem Report.

Ein sehr unbefriedigender Zustand. Denn: Wohneigentum ist nicht nur ein wichtiger Baustein bei der Vermögensbildung, die Wohneigentumsquote hat auch maßgeblichen Einfluss auf die Vermögensverteilung: Die Vermögensungleichheit sinkt, je höher die Wohneigentumsquote ist.

Wohneigentum ist ein wichtiger, aber natürlich nicht der einzige Baustein für die Vermögensbildung. Ein weiterer ist das Sparverhalten, und hier spielen natürlich Aktien ein wesentliche Rolle, die ein großer Teil der Deutschen scheut wir der Teufel das Weihwasser. Einmal mehr hat der Allianz Global Wealth Report darauf hingewiesen, dass der Schlüssel zu hohem Wachstum der Finanzvermögen in der Portfoliostruktur liege, also im Sparverhalten. Die US-Sparer hielten knapp 55 Prozent ihres Finanzvermögens in Form von Wertpapieren, vor allem Aktien, und konnten daher vom Börsenboom der letzten Jahre stark profitieren.

Der Erfolg dieser Anlagestrategie lasse sich eindeutig beziffern. In den letzten fünf Jahren entfielen in den USA 70 Prozent des gesamten Vermögenszuwachses auf den Wertzuwachs der Vermögensanlagen. In Westeuropa liege diese Quote bei 46 Prozent und in Deutschland bei sehr bescheidenen 16 Prozent.

Share of increase in value in total growth of financial assets, 2016-2020, selected markets
Anteil des Wertzuwachses am Gesamtwachstum des Finanzvermögens

Die Deutschen seien zwar Weltmeister im Sparen, könnten diesen „Nachteil“ aber nicht ausgleichen, wie der Vergleich der Vermögenszuwächse in diesem Zeitraum (2016 bis 2020) zeige: In den USA waren es plus 39 Prozent, in Deutschland plus 26 Prozent. Entscheidend für den Anlageerfolg sei nach wie vor die Anlageentscheidung: Sparer ignorieren den Aktienmarkt zu ihrem eigenen Nachteil.

Plädoyer für Förderung der Vermögensbildung

Dr. Hans-Jörg Naumer, Director Global Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors, hat in einem kürzlich in der F.A.Z. erschienen Beitrag ein Plädoyer für eine „gezielte Politik zur Förderung der Vermögensbildung“ gehalten. Die Vermögensbildung sei „der Elefant im Raum bei den drängendsten gesellschaftspolitischen Debatten und ein weitgehend übersehener Bestandteil der Sozialpolitik“, so Naumer. Zurecht weist Naumer darauf hin, eine Politik zur Förderung der Vermögensbildung müsse bei der ökonomischen Allgemeinbildung ansetzen. Zweifellos eine unerlässliche Voraussetzung, um die es leider schlecht bestellt ist. Gleichzeitig muss – gerade in Zeiten, in denen der Politik ständig neue Konstrukte zur Umverteilung einfallen – an ein Ordnungsprinzip der Sozialen Marktwirtschaft erinnert werden: die Verantwortung des Einzelnen.

Wider den sozialen Untertan

Der Anspruch der Sozialen Marktwirtschaft an die Verantwortung des Einzelnen hat Ludwig Erhard in seinem Buch „Wohlstand für alle“ (1957) mehr als nachdrücklich – trotzdem heute leider meist vergessen – formuliert. Erhard schrieb: „Die soziale Marktwirtschaft kann nicht gedeihen, wenn die ihr zugrundeliegende geistige Haltung, d. h. also die Bereitschaft, für das eigene Schicksal Verantwortung zu tragen, und aus dem Streben nach Leistungssteigerung an einem ehrlichen freien Wettbewerb teilzunehmen, durch vermeintliche soziale Maßnahmen (…) zum Absterben verurteilt wird.“ (Wfa, 245)

Ebenso wenig wie ein Volk mehr verzehren könne, als es als Volk an Werten geschaffen habe, so wenig könne auch der Einzelne mehr an echter Sicherheit erringen, als wir uns im Ganzen durch Leistung Sicherheit erworben hätten. Diese Grundwahrheit werde auch nicht durch „Verschleierungsversuche mittels kollektiver Umlegeverfahren“ aus der Welt geschafft. (Wfa, 250)

Erhard warnte vor den Folgen eines „gefährlichen Weges hin zum Versorgungsstaat (…), an dessen Ende der soziale Untertan und die bevormundete Garantierung der materiellen Sicherheit durch einen allmächtigen Staat, aber in gleicher Weise auch die Lähmung des wirtschaftlichen Fortschritts in Freiheit stehen wird“. (Wfa, 252) Soziale Sicherheit sei gewiss gut und in hohem Maße wünschenswert, „aber soziale Sicherheit muss zuerst aus eigener Kraft, aus eigener Leistung und aus eigenem Streben erwachsen“. Am Anfang müsse die eigene Verantwortung stehen, und erst dort, wo diese nicht ausreiche oder versage, setze die Verpflichtung des Staates und der Gemeinschaft ein. (Wfa, 262)

Wenn wir Deutschland wirklich etwas gegen die Vermögensungleichheit unternehmen wollen, dann ist die Förderung der Vermögensbildung ein wirksames Instrument, das nicht zuletzt dazu beitragen würde, die „bevormundete Garantierung der materiellen Sicherheit durch einen allmächtigen Staat“ zu überwinden.

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